Deep Listening – die Quelle von Führung

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Wann war dein letztes Gespräch, bei dem etwas Neues miteinander entstanden ist?

Führung kann als die Fähigkeit betrachtet werden, Zukunft gemeinsam zu erspüren und zu realisieren. Doch wie entsteht zukunftsorientierte Führung? Die bewusste Ausrichtung der Aufmerksamkeit durch Zuhören ist hierfür der Anfangspunkt.

Meine Session beim XCamp 2019 möchte diesen Aspekt der Theorie U vertiefen, sowie für die Teilnehmer*innen die verschiedenen Stufen des Zuhörens durch kleine Experimente erfahrbar machen. Zudem besteht die Möglichkeit zur Reflexion von eigenen Erfahrungen bzw. vertiefenden Gedanken. Im Folgenden wird in die Thematik eingeführt.

Die Veränderung des Führungsverständnis steht im Kontext von Digitalisierung, agilen Veränderungen und New Work mit im Scheinwerferlicht. Denn neben der flachen Organisation (Strukturen) und dem kundenzentrierten Arbeiten (Prozesse), ist auch ein kooperatives, flexibles Verhalten (Denkmodelle) gefragt. Führung findet hierbei selbstorganisiert in Teams statt, wird aber durch Funktionen wie dem Scrum-Master, Agile oder Design-Thinking Coaches oder dem Produkt-Owner unterstützt.

Neben den Herausforderungen in der Transformation von Organisationen, stehen wir zudem weltweit vor sozialen, ökonomischen, ökologischen und zivilisatorischen Herausforderungen, die sowohl von Individuen, aber auch von Organisationen und Systemen Innovationskraft verlangen. Die Wahrnehmung dieser Verantwortung in komplexen Ökosystemen von Partnerschaften und Netzwerken oder in Städten fordert die gemeinsame Gestaltung von Veränderungen. Führung zu übernehmen ist somit in einer agilen Organisation sowie in der Gesellschaft Aufgabe von allen Beteiligten.

Soziale Beziehungen werden durch vier Handlungsarten gestaltet: Zuhören (micro), Kommunizieren (meso), Organisieren (macro) und Koordinieren (mundo). Kommunizieren, Organisieren und Koordinieren sind dabei ja sehr bekannt Konzepte, doch Zuhören?

Zuhören bedeutet etwas akustisch Wahrnehmbarem hinhörend folgen, ihm seine Aufmerksamkeit zuwenden. Zuhören generiert somit Aufmerksamkeit. Laut Otto Scharmer, Entwickler von Theorie U und Co-Founder des Presensing Insitute, können vier Muster von Aufmerksamkeit unterschieden werden:

Gewohnheitsmäßig: Ich bin in mir. Es werden bekannte Gewohnheiten und Denkmustern wahrgenommen, die auf früheren Erlebnissen basieren. Der Austausch findet wesentlich durch freundliche Phrasen statt, es wird bestätigt, was schon gewusst wird. Egosystemisch: Ich bin im Es. Es werden neue Fakten und Daten sowie Irritationen wahrgenommen. Das Denken öffnet sich, Urteile werden zurückgehalten und Debatten mit differenzierten Standpunkten geführt. Empathisch: Ich bin im Du. Situationen können aus der Perspektive von Anderen wahrgenommen werden. Das Herz öffnet sich, Standpunkte von Anderen werden im reflektierten Dialog erkundet und Situationen aus pluralen Perspektiven wahrgenommen. Schöpferisch: Ich bin gegenwärtig. Die Potentiale der Zukunft werden gemeinsam wahrgenommen. Die Willensbildung öffnet sich und durch einen co-kreativen Dialog entsteht Neues, auch indem alte Identitäten losgelassen werden. Je nachdem mit welchem Muster von Aufmerksamkeit wir unterwegs sind, entstehen somit unterschiedliche Ergebnisse. Und indem wir durch unsere Haltung des Zuhörens ein bestimmtes Aufmerksamkeitsmuster auf der Microebene generieren, sind die folgenden sozialen Beziehungen auf der Ebene von Kommunizieren, Organisieren und Koordinieren durch dieses Muster geprägt.

Dieser Aufbau von Aufmerksamkeitsmustern erfordert somit Achtsamkeit. Achtsamkeit ist nach innen gerichtete Aufmerksamkeit. Denn nur wenn wir die Muster der eigenen Gedanken, Gefühle und Ideen, also den eigenen inneren Zustand, aufmerksam wahrnehmen, entwickeln wir die Fähigkeit, das Muster der Aufmerksamkeit für unsere Handlungen bewusst zu wählen. Dann können wir uns entscheiden, unsere Aufmerksamkeit bewusst faktisch, empathisch oder schöpferisch auszurichten.

Die Quelle von zukunftsorientierter Führung liegt somit darin, die eigene Aufmerksamkeit durch bewusstes Hinhören auszurichten. Aufbauend auf dieser Handlung entstehen alle weiteren sozialen Beziehungen. Anders gesagt: „Der Erfolg einer Intervention hängt vom inneren Zustand des Intervenierenden ab.“ Theorie U als soziale Technik für die Gestaltung von Veränderungen baut auf dieser Quelle von Führung auf. Sie fragt, wie wir von der Zukunft her lernen können. Denn wie schon Einstein wusste: Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.

Über die Autorin:

Bianca Köllner ist selbstständige Beraterin für die gemeinsame Gestaltung von systemischem Wandel und ganzheitlichem Lernen in Organisationen und Netzwerken. Sie versteht sich dabei als Wegbereiterin für soziale Innovation und Nachhaltigkeit. Mehr Informationen unter: https://www.conscious-change.net

Quellen

Autor/in: Jens Bothmer

Mit agilen Innovationsmethoden wie Design Thinking hilft Jens Bothmer Unternehmen dabei, gute Ideen in erfolgreiche Geschäftsmodelle umzusetzen. Aufgrund seines Backgrounds besitzt Jens sehr gutes Fachwissen über Kreativitäts- und Innovationsprozesse von der Ideenentwicklung, über Konzeption bis hin zum Anforderungsmanagement und der Geschäftsmodellierung.

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